Welche Menschen glauben an Verschwörungstheorien?
Was macht Verschwörungstheorien so attraktiv? Gibt es eine bestimmte Gruppe von Menschen, die besonders leicht an Verschwörungen glaubt? Und wann und wie muss man ihre Anhänger stoppen? Prof. Dr. Michael Butter unterrichtet amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. Einer seiner Schwerpunkte ist die Erforschung von Verschwörungstheorien. In einem exklusiven Interview erklärt er welche Menschen anfälliger sind für Verschwörungstheorien und wie man gegen die Verbreitung der Theorien vorgehen kann.
Verschwoerung.at: «Herr Butter, Sie waren Leiter des EU-Forschungsprojekts COMPACT (Comparative Analysis of Conspiracy Theories). Gemeinsam mit anderen ForscherInnen haben Sie die Herkunft und die Wirkungsweise von Verschwörungstheorien in verschiedenen Ländern analysiert. Nun wundert es mich: Was macht diese Theorien so ansteckend und attraktiv?»
Prof. Dr. Michael Butter: Verschwörungstheorien erfüllen eine ganze Reihe von Funktionen für diejenigen Personen, die an sie glauben.
Zuerst machen sie die Welt erklärbar und verständlich. Da gibt es keinen Zufall mehr, kein Chaos, sondern exakte, verantwortliche Akteure oder Sündenböcke, auf welche man mit dem Finger zeigen kann. Das ist attraktiv, weil man selbst keine Verantwortung tragen muss, und es bedingt, auch wenn das paradox klingt, einen gewissen Optimismus. Paradox, weil Verschwörungstheorien eher zu Pessimismus tendieren. Aber wenn konkrete Menschen hinter einem Problem stecken und nicht der Zufall oder etwas Abstraktes, dann bedeutet das auch, dass man diesen Verschwörern das Handwerk legen kann. Man kann sie besiegen und eine bessere Welt schaffen.
Zweitens kann der Glaube an eine Verschwörungstheorie auch ein Alleinstellungsmerkmal sein. Er versichert unbewusst die Besonderheit der eigenen Identität. Man läuft im Gegensatz zu den anderen nicht mit geschlossenen Augen herum, sondern ist aufgewacht und gehört zu einer kleinen Elite von Leuten, die verstanden haben wie die Welt wirklich funktioniert.
Des Weiteren kann man grob von 2 Gruppen von Menschen ausgehen, die besonders anhängig sind für Verschwörungstheorien:
Die erste Gruppe sind Menschen, die den Eindruck haben, dass sie einen Macht-/ und Kontrollverlust erlitten haben. Das sind Menschen, die das Gefühl haben, dass sie nicht mehr wahrgenommen werden oder sich niemand mehr um sie kümmert. Dieses Ergebnis erklären sie sich dann durch eine grosse Verschwörung. Das liefert ihnen nicht nur eine Erklärung, sondern gibt ihnen auch wieder Kontrolle zurück. Sie kennen nun den Ursprung des Problems und sind durch das wieder in einer stärkeren Position.
Die zweite Gruppe sind Leute, die schlecht mit Unsicherheit und Ambivalenz umgehen können. Sie streben nach Eindeutigkeit. Diese Klarheit finden sie in Verschwörungstheorien wieder. Sobald eine solche Erzählung etabliert worden ist, dann verändern sie mit Ausnahme von kleinen Details auch nichts mehr an ihr. Das Grundgerüst bleibt dasselbe. Offenbar ist es für gewisse Leute leichter und attraktiver zu glauben, dass eine Gruppe von Bösewichten die Strippen zieht als zu akzeptieren, dass es auch Zufälle geben kann und Dinge einfach so passieren.
Zudem muss gesagt werden, dass es früher ausserhalb der westlichen Welt ziemlich normal war an Verschwörungstheorien zu glauben. Man glaubte, dass die Welt so funktioniert. Die Weltgeschichte war im Prinzip eine ganze Abfolge von Verschwörungen. Das bedingte jedoch, dass jeder daran glaubte. Auch die Klügsten Köpfe im 18./19. Jhd. waren von Verschwörungstheorien überzeugt, weil alle einfach so sozialisiert wurden. Wenn alle autoritären Figuren erzählt haben, dass die Welt so und so funktioniert, dann glaubte man es einfach und übernahm diese Gedanken.
Verschwoerung.at: «Die Studie umfasste 34 Länder, gab es zwischen ihnen signifikante Unterschiede?»
Butter: Grundsätzlich kann man grob zwischen den ehemaligen Ostblockstaaten und den westlichen, demokratischen Ländern unterscheiden. Der Glaube an Verschwörungstheorien ist in Ländern wie Polen und Ungarn «normaler» als beispielsweise in Deutschland oder in Schweden. Dies hängt oft mit der politischen Stabilität dieser Länder seit 1960 zusammen. Ihre Bevölkerungen wurden im Verlauf der letzten Jahrzehnte oft von ihren Regimen betrogen. Die Unsicherheit wurde zu Misstrauen.
Ein weiterer, wichtiger Faktor ist auch die Ausprägung der Sozialwissenschaften. Die Bourgeoisie im Osten vertrat lange Zeit noch die marxistischen Lehren. Dies verhinderte allerdings den Fortschritt und machte es schwer solche Denkweisen zu hinterfragen.
Generell kann gesagt werden, dass die Wahrscheinlichkeit an Verschwörungstheorien zu glauben bei höherem Bildungsniveau abnimmt. Die Art der Bildung spielt dabei selbstverständlich eine zentrale Rolle.
Verschwoerung.at: «Gibt es irgendwelche Massnahmen, die man gegen die Verbreitung von Verschwörungstheorien treffen kann?»
Butter: In den sozialen Netzwerken versucht man zurzeit mit dem Löschen bestimmter Posts oder dem Blockieren von problematischen Accounts vorzugehen. Jedoch verbreiten sich solche Nachrichten oft zu schnell, um sie rechtzeitig zu stoppen. Auch das Auflösen von geschlossenen Gruppen auf Instant-Messaging Diensten wie «Telegram» sind aus ethischen Gründen oft heikel und schwer umsetzbar.
Zusätzlich muss man immer einschätzen zu welchen Konsequenzen die jeweilige Verschwörungstheorie führen kann. Verleitet sie zu Gewalt und/oder wird sie zu einer Gefahr für die Demokratie, sind das gute Gründe gegen sie vorzugehen. Handelt es sich aber um eine harmlose Theorie, würde man die Meinungsfreiheit beschränken.
Eine der besten Lösungen ist Inhalte zu filtern. Die Informationen von beispielsweise YouTube Videos, Twitter oder Facebook Posts werden von den Social Media Plattformen überprüft. Sind die Inhalte umstritten, markieren sie das und verlinken gegebenenfalls auf reliable Seiten, die wissenschaftlich fundierte Informationen zum Thema aufzeigen.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Butter und sein Team haben im Rahmen ihrer Forschung einen Verschwörungsleitfaden zusammengestellt:
Dieser besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil werden grundlegende Fragen wie zum Beispiel: «Was sind genau Verschwörungstheorien?», «Wie funktionieren sie?» und «Welchen Effekt hat das Internet auf die Theorien?», geklärt. Der zweite Teil enthält Empfehlungen zum Umgang mit Verschwörungstheorien und wie man VerschwörungstheoretikerInnen mit dem Thema konfrontieren kann. Weitere Informationen zu COMPACT gibt es ausserdem auf https://conspiracytheories.eu/.
Herzlichen Dank an dieser Stelle nochmal an Professor Butter für das Interview.
Picture Copyright: „Seoul“ by Richard, CC BY 2.0 (format changes were made)

Sehr interessant und informativ.
Vielen Dank!